NENTERODE
in der Geschichte seiner Flurnamen
 
 

Am 30. Mai 1003 schenkte der letzte Sachsenkönig Heinrich II. dem Hersfelder Abt Bernhar einen Forst- und Jagdbannbezirk zur ausschließlichen forst- und jagdlichen Nutzung. Die Urkunde enthält eine ausführliche Grenzbeschreibung dieses Bannbezirkes, der Eherinevirst genannt wird. Danach wird die Grenze des Eherinevirstes im Südwesten durch die Aula gebildet, sie wendet sich nach Norden zum ?mons salis“ (Salzberg) und geht weiter in den Mühlbach (heutiger Ort Mühlbach). Hier der interessante lateinische Originaltext: ?..... et inde in Milmenebach, inde quoque transversum fluminis ad Regingozhuson ....“ Die Übersetzung des weiteren Verlaufs der Grenze läßt zwei Möglichkeiten offen - die Rede ist von einem Flußübergang und von dort auf Rengshausen (Regingozhuson) zu. Der Flußübergang kann entweder die südlich Hainrode entspringende Beise oder der Breitenbach bei Ellingshausen sein. Wahrscheinlich ist er die Überquerung des Breitenbachs. Auf jeden Fall liegt der heutige Ort Nenterode bei beiden Bachbeschreibungen innerhalb des Hersfelder Bannforstes. Dafür spricht u. a. auch die Bezeichnung des höchsten Berges der Umgebung - der Klosterstein mit 528 m Höhe. Das war der zum Kloster Hersfeld gehörige höchste Berg dieser nordwestlichen Ecke des Bannforstes. Nach dem Kloster Hersfeld hat er seinen Namen erhalten. Vom Klosterstein oder südlich davon mag die Grenze vielleicht auf der Höhe der heutigen Alten Straße oder auch westlich davon, die Ellingshäuser und Nausiser Flur einschließend, über das Ried zum Aschenberg längs der Grenze der noch heute bestehenden Nenteröder Gemarkungsgrenze auf Rengshausen zu verlaufen sein. Sie verlief weiter über Sterkelshausen, Baumbach, die Fulda aufwärts bis Blankenheim, von dort nach Ronshausen bis zum Herfatal, ging auf Schenklengsfeld zu und folgte den Flußläufen der Wölf, Eitra und Haune bis Rhina. Von dort wendete sie sich nach Mengshausen und zur Mündung der Aula in die Fulda. Insgesamt ein großes Gebiet, das später in Teilen dem Altkreis Hersfeld entspricht.

Bevor wir die Siedlungsgeschichte Nenterodes betrachten, schlagen wir den Bogen zurück in die Zeit der fränkischen Eroberung unseres Raumes. Die germanischen Franken waren im 6. Jahrhundert am Main und unteren Rhein bis weit in das heutige Frankreich ansässig. Im 7. und besonders im 8. Jahrhundert gelang es ihnen durch Eroberungen ein Großreich zu bilden, das außer dem heutigen Frankreich, Norditalien, Süddeutschland und auch unseren hessischen Raum umfaßte. Unser Land der Chatten wurde von den Franken erobert, christianisiert und untertänig gemacht. Nördlich und westlich von uns siedelten die Sachsen im heutigen Westfalen und Niedersachsen. Die Grenzlinie zu den Sachsen verlief nördlich von Fritzlar und Kassel zur Werra hin. Karl der Große, der herausragende fränkische König, eroberte in einem 30jährigen Krieg von 772 bis 802 ganz Sachsen. Zur Zeit seines Vaters, Pippin dem Jüngeren, wurden die Klöster Hersfeld (736) und Fulda (744) gegründet. Beide Klöster lagen fortan in besonderer königlicher und auch päpstlicher Gunst. Sie waren für die Missionstätigkeit und Zivilisierung der sog. Heidengebiete im Norden, d. h. in Sachsen und im heutigen Thüringen, ausersehen. Beide Klöster waren direkt dem Papst und nicht einem Bischof und dem König und Kaiser als der weltlichen Macht unterstellt. Darin lag ihre herausragende Stellung im Mittelalter.

Zur germanischen Zeit und sicher bis in das 10. Jahrhundert hinein bildete der Wald und nicht gerodete Flächen im Knüllgebirge den Weidegrund: Eichel- und Buchenmast für die Schweine, was sie übrig ließen, wurde für den Rest des Jahres gesammelt - Waldgräser für das Rindvieh und die Schafe.

In geschichtlicher Zeit rechnete das Knüllgebiet zur Buchonia, d. h. ausgedehnte Buchenwälder bedeckten unsere Berge, eingestreut waren Eichenwälder (die Nenteröder Flurbezeichnungen ?Eichert“ und ?Aschenberg“ = ?Eschenberg“ lassen hierauf schließen). Die Fichten und Kiefern waren durch die Eiszeit in die Alpentäler zurückgedrängt.

Triften und Wege, unter ihnen Fernverbindungen, durchzogen unsere Wälder. Letztere gingen über die Höhe und nicht durch sumpfige Täler als ganzjährig zu nutzende Wege. Ein solcher alter Weg ist die ?Alte Straße“ auf dem Kamm von Remsfeld über das Ried, auf dem Höhenrücken zwischen Geis- und Rohrbachtal nach Hersfeld. Sie war die Verbindung des Fuldatales zur Niederhessischen Senke nach Wabern und Fritzlar. Auf ihm ist wahrscheinlich der Mönch Lullus als Gründer Hersfelds, von Fritzlar kommend, nach Hersfeld gelangt, und auch hier wurden möglicherweise die Gebeine des heiligen Wigbert vom Kloster Büraberg bei Fritzlar nach Hersfeld verbracht (780).

Die alten Fernstraßen im Hessenland gehen wahrscheinlich auf die Eroberung durch die Franken zurück. Eine mittelalterliche Straße von besonderer Bedeutung ist die Straße ?durch die lange Hessen“. Sie kommt von Frankfurt, geht über Amöneburg, Treysa, Verna, Holzhausen nach Homberg und streift unser Nenteröder Gebiet in der Senke zwischen Knüllgebirge und Homberger Hochland durch ihren weiteren Verlauf über Welferrode, Beisheim, Wichte, Neumorschen, Spangenberg und geht weiter über Waldkappel ins Thüringische. Beisheim ist bereits um 800 urkundlich belegt. Die Orte auf -heim sind typische ältere fränkische Siedlungsorte und verweisen auf ein fränkisches Königsgut. ?Die lange Hessen“ dienten der fränkischen Eroberung unseres Chattenlandes, und Beisheim wurde zu einem fränkischen Stützpunkt. Die -heim-Namen tragenden Orte liegen fast ausschließlich in Niederungen. Die jüngeren unter ihnen sind mit Berg- oder Flußnamen verbunden und liegen an Straßen, wofür Beisheim typisch ist.

Von Beisheim im Nordwesten ist die Besiedlung des Beisetales ausgegangen. Regingozhuson, das heutige Rengshausen, 1,5 km flußabwärts von Nenterode, ist der weitere Beweis einer fränkischen Siedlung. Die -hausen-Orte sind meist nach dem Sachsenkrieg entstanden und wurden zu Stützpunkten fränkischer Machtausbreitung, zunächst als Einzelhofsiedlungen im Gegensatz zu den -dorf-Orten.

Nach diesem Ausflug in die Zeit vor 1003 wollen wir in die wahrscheinliche Geschichte Nenterodes einsteigen. In der christlich-fränkischen Zeit (bis 911) wurde der Wald, der bis dahin den Chatten als Allgemeinbesitz (Allmende) der Siedlungsgenossenschaft gedient hat, als Königseigentum erklärt.

Deshalb konnten spätere Könige und Kaiser diesen Wald an Klöster und weltliche Grundherren schenken bzw. als Lehen vergeben.

Die alten Klöster waren durch ihre Rodungspolitik die eigentlichen Träger der geschichtlichen Besiedlung in der nachfränkischen Zeit. Nach der Schenkung bzw. Landverleihung an die Klöster setzte eine systematische Bodenpolitik durch Rodung und Kultivierung von Landstrichen ein, die vorher Wald waren. An die Stelle des Waldes, der in germanischer Zeit die wichtigste Ernährungsgrundlage für Menschen und Vieh war, tritt die Vorherrschaft des Ackers, denn das stetig weiter entwickelte System der Zinshörigkeit  (d. h. Verpflichtung zu Diensten und Abgaben an den Grundherrn) zwang dazu, die größte Bodenrente zu erwirtschaften. Die Mönche wurden zu den großen Lehrmeistern der Rodungen, des folgenden Acker- und Häuserbaues und der Viehzucht. Sie waren die eigentlichen Universalisten und wurden zu Trägern der Kultur in Deutschland. Nach der Inbesitznahme des Eherinevirstes durch den Hersfelder Abt und seine Mönche setzte auch hier eine systematische Rodungs- und Kultivierungsarbeit durch die Hersfelder Mönche ein.

Diese Annahme ist umso wahrscheinlicher, da im Jahr 1005 der berühmte Abt Godehard aus Nieder-Altaich von Heinrich II. als Abt in Hersfeld eingesetzt wird. Zur damaligen Zeit erlebten die Benediktinerklöster, zu denen auch Hersfeld gehörte, einen Niedergang. Die Mönche folgten nicht mehr der alten Regel: ?Bete und arbeite.“ Vielmehr wandten sie sich weltlichen Dingen zu, lebten in Luxus, legten sich eigene Wohnungen zu und kleideten sich in prachtvolle Gewänder. Das änderte sich mit der Regierungsübernahme Heinrichs II. im Jahre 1002 drastisch. In Godehard fand er den richtigen Mann. Er setzte in Hersfeld eine Klosterreform durch, die die Mönche zur alten Regel ?bete und arbeite“ zurückführte. An die Stelle des Prunks und Schwelgens trat wieder die benediktinische Bedürfnislosigkeit. Godehard leitete die Mönche an, und mit 7 Stunden Handarbeit am Tage fielen unter ihren Beilen weite Waldstrecken, sie wurden gerodet und urbar gemacht. Hütten, Kirchen, Kalköfen und Mühlen wurden errichtet. Heilpflanzen, Obst, Gemüse und Blumen traten neben bekannten Feldfrüchten durch das Wirken der Mönche in den Mittelpunkt der klösterlichen Landwirtschaft.

Nach unserem Abt Godehard ist der Sankt Gotthard in der Schweiz benannt.

Unter Godehards Anleitung und die Tätigkeit der Hersfelder Mönche sind in unserem Gebiet, d. h. im oberen Beisetal und seinen Nebentälern, mit höchster Wahrscheinlichkeit die neuen Orte und Rodungen entstanden: Ersrode, Hainrode und Nenterode.

Der Name Ersrode geht sicher auf den Namen des großen Schenkungsgebietes, den königlichen Bannforst ?Eherinevirst“ zurück. Aus Eherinesrode wurde mit der Zeit Ersrode. Das Abschleifen und Zusammenziehen des Wortes mag vielleicht über die Jahrhunderte so verlaufen sein: Eherinsrode - Erinsrode - Ersrode. Der Name Hainrode erklärt sich von selbst als Rodung im Hain = Wald.

Ob der erste Siedler und Mönch, der die Axt an die Bäume unterhalb des Bonsberges Nengter oder ähnlich geheißen hat, wissen wir nicht. Bei der Deutung unserer Orts- und Flurnamen müssen wir dem örtlichen Platt oder der Mundart und nicht der modernen Schreibweise folgen. Nenter ist neudeutsch, aber Nengter in der Sprache der Nenteröder kommt sicher der ursprünglichen Bezeichnung näher. Wahrscheinlich ist der Name unseres Ortes patronymisch, d. h. mit einem Personennamen verbunden.

Die Gründung Nenterodes fällt in die Zeit nach 1003 und wird mit großer Wahrscheinlichkeit schon in dem folgenden 11. Jahrhundert erfolgt sein. Bis zum Jahre 1250, dem ausgehenden Hochmittelalter, ist die Verteilung von Wald, Wiese und Acker, wie sie im wesentlichen dem Bild der heutigen Kulturlandschaft entspricht, im westlichen Teil Deutschlands abgeschlossen.

Der Hof oder der Platz Nenterode wurde, wie seinerzeit üblich, im Tal, am Bach und möglichst am Zusammenfluß mehrerer Bäche bzw. dem Zusammentreffen mehrerer Täler gegründet. In unserem Fall sind dies der Gläserbach, der seinen Namen aber erst sehr viel später (um 1550) erhalten hat, und der Seltzbach.

Aber das markanteste Gelände für die Gründung sind für Nenterode nicht der Zusammenfluß der Bäche, sondern der Siedlungsort am Berg, und zwar an einem sehr eindrucksvollen Berg, dem Bonsberg. Die ganze Schönheit und das Wahrzeichen dieses Berges erleben wir beim Austritt aus dem Wald des Hetzelholzes, wenn wir den Blick hinab auf Nenterode und seinen Bonsberg richten. Der Bonsberg ist das kleine Matterhorn Nenterodes - man verzeihe den Vergleich.

Der neue Hof, die neue Siedlung lag am Berg. Berg heißt lateinisch mons. Die Mönche, des Lateinischen als ihre Schrift- und Umgangssprache mächtig, nannten den Berg wahrscheinlich Mons Nengter oder ähnlich. Die Siedler und Nenteröder konnten mit dem lateinischen Wort mons nichts anfangen. Sie machten aus dem ?m“ ein ?B“ und hängten das deutsche Wort ?Berg“ einfach noch einmal an - so wurde daraus der Bonsberg. Der Mons Nengter - die Bezeichnung für den Nenterberg wanderte in den kommenden Jahren nach der ersten Besiedlung vom Bonsberg längs des gleichen Höhenrückens ca. 2 km nach Osten zu seiner höchsten Erhebung (521 m). Der Bonsberg bleibt die vorgelagerte kleinere Erhebung des gleichen Bergmassivs, des Nenterberges.

Dieser meiner Deutung folgend, habe ich bewußt für die Titelseite dieser Schrift den Entwurf für ein Nenteröder Wappen vorgeschlagen:
Den Bonsberg mit seiner markanten und unverwechselbaren Silhouette als grüner Waldberg und Wahrzeichen Nenterodes seit seiner Gründung im Eherinevirst durch Mönche der freien Reichsabtei Hersfeld - deswegen das Hersfelder rote Doppelkreuz im weißen Feld links oben. Rot und weiß wurden auch die Farben Hessens; das Besondere für Nenterode bleibt der unverwechselbare grüne Bonsberg. Ein weiteres Wahrzeichen wurde die Kirche zu Nenterode. Sie entstand aber erst viel später - wahrscheinlich im 15. oder 16. Jahrhundert, der Turm erst 1951. Mein Vater stiftete noch das Bauholz für den Dachstuhl des Turmes.

Für das Wirken der Hersfelder Mönche spricht auch der Flurnamen ?Auf dem heiligen Bruch“. Dieses Flurstück ist eigenartigerweise und äußerst bedeutungsvoll der heutige Friedhof auf einer kleinen Anhöhe über dem Lingelbach, direkt gegenüber dem Bonsberg. Bruch hat in diesem Sinne nichts mit ?feuchter Wiese oder Moorboden“ zu tun, sondern steht im Zusammenhang mit dem althochdeutschen Wort bruh, mhd. bruch, die dazugehörige Verbform heißt brechen. Die Bezeichnung ?heilig“ läßt eindeutig auf einen Zusammenhang mit geistlichen Herren bzw. mit den Mönchen des Klosters Hersfeld schließen.

Möglicherweise bauten sie hier auf der trockenen Anhöhe ihre erste Klause und eine kleine Kapelle aus Holz. In das leicht abschüssige Gelände brachen sie eine ebene Fläche in den Berg. Normalerweise liegen in älteren Kirchdörfern Kirche und Friedhof beisammen. So spricht in Nenterode viel dafür, daß der jetzige Gottesacker der ältere Platz ist, auf dem wahrscheinlich noch eine kleine hölzerne Kapelle stand und später, möglicherweise erst im 15. oder 16. Jahrhundert, unsere Steinkapelle aus Gründen des besseren Zuganges in der Ortsmitte errichtet wurde. Der Friedhof wurde am ursprünglichen Platz ?Auf dem heiligen Bruch“ belassen.

Ob der südliche Nachbarort Nenterodes, Nausis, im Eherinevirst gelegen hat und damit zur Schenkung an Hersfeld gehörte, wissen wir nicht. Auf jeden Fall ist Nausis ein relativ junger Ort. Das sagt auch der Name, der soviel wie Neuer Sitz = ?Neuses“ in unserem Platt bedeutet. Nausis ist wahrscheinlich erst im 14. Jahrhundert gegründet worden. Dafür sprechen auch die Flurnamen, von denen keiner eine mittelhochdeutsche bzw. altdeutsche Beziehung aufweist.

Die Flurnamen Nenterodes lassen zum Teil auf alt- bzw. mittelhochdeutsche Ursprünge, d. h. die Besiedlung und Gründung nach dem Jahr 1000, schließen.

Ich habe für die Geschichte Nenterodes im Rahmen der Deutung seiner Flurnamen drei Zeitabschnitte gewählt:

A Älteste Flurnamen von den Anfängen um das Jahr 1000 bis etwa 1300
B Das ausgehende Mittelalter bis zur Neuzeit um 1550
C Neuere Flurnamen seit dem 17. Jahrhundert
 
 

A - Älteste Flurnamen von den Anfängen um das
Jahr 1000 bis etwa 1300

Alt- bzw. mittelhochdeutsche Flurnamen geben Zeugnis über die relativ frühe Gründung Nenterodes im 11. Jahrhundert. Beweiskräftig sind diese Flurnamen in erster Linie als Bach- und Talbezeichnungen und die dazugehörigen Berge. Sie lassen auch auf den ursprünglichen Zustand, d. h. die Beschaffenheit des Bodens und des Bewuchses, schließen. In ihnen überlieferte Bezeichnungen, die auf das Alt- bzw. Mittelhochdeutsch zurückgehen, sind ein untrügliches Zeugnis für die erste Besiedlung Nenterodes.

Auf der Lieden

?Liede“ geht auf das althochdeutsche (ahd.) Wort ?lîta“, mittelhochdeutsch (mhd.) ?lîte“, zurück und bezeichnet einen Bergabhang oder eine Halde und ist etymologisch (Etymologie = Lehre der Grundbedeutung, Herkunft und historische Entwicklung der Wörter) mit ?lehnen“ verwandt. Daraus ist Leite, Liete oder Liede entstanden. Das Wort hat sich im bayrischen und fränkischen Sprachraum bis heute erhalten, in Hessen war es bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts hier und da noch lebendig.

Noch ein kurzer Hinweis auf alt- bzw. mittelhochdeutsch: Althochdeutsch reicht zurück auf die ersten schriftlichen Überlieferungen unserer Sprache im 6. Jahrhundert bis zum Ende des 11. Jahrhunderts, also in die Zeit der wahrscheinlichen Gründung Nenterodes. Daraus entwickelte sich das Mittelhochdeutsche, das während der Lutherzeit, also Anfang des 16. Jahrhunderts, vom Neuhochdeutschen abgelöst wurde.

Am kurzen Gewende

Diese Flur grenzt unmittelbar südlich als steiler werdender Hang an die ?Liede“ an.
Gewende geht zurück auf ahd. ?giwant“, mhd. ?gewande“ und hängt mit wenden zusammen. Es bezeichnet eine Stelle, wo der Pflug wendet. Der durch die Wendefläche des Pfluges an den Enden des Feldes verbleibende Grenzstreifen, der nachträglich vertikal zur Hauptrichtung gepflügt werden mußte, faßte die Parzellen zu einer Einheit zusammen, die Gewann oder Gewende genannt wurde. Unsere zusätzliche Bezeichnung kurz bezieht sich auf ein wegen der Flurlage relativ kurzes ?Gewende“.

Im Räddengrund

?Rädden“ geht auf das ahd. Wort ?hriod“ und mhd. ?riet“ zurück und heißt soviel wie Schilfrohr, Sumpf-, Riedgras bzw. ein damit bewachsener Grund. Daraus ist dann später Ried, Red, Reid, Räddich oder Rädden entstanden.

Schwalbenzehl

Schwalbenzehl geht auf das ahd. Wort ?zagel“ zurück und heißt Schwanz oder Sterz. Durch Zusammenziehen ist mdh. dann zail, zeil, zahl oder zehl geworden. Es bezeichnet jede Art von Tierschwänzen und wurde vielfach mit Nennung eines Tiernamens abgewandelt auf Flurstücke übertragen. D. h. unser Nenteröder Flurstück ist die Senke unterhalb dem Distrikt 97, sozusagen der Ansatz des Schwalbenschwanzes, der sich dann als Rodung nach rechts und links weiter oben schwalbenschwanzartig auffächerte. Mit dem 15. Jahrhundert beginnt das Wort seltener zu werden und wird durch Schwanz ersetzt.

Seltzbach

Seltzbach hieß früher Seielsbach, und das Wort ?seiel“ geht auf germanisch ?sîhwan“, mhd. ?sîhen“ zurück, was soviel wie seihen, tröpfelnd durch etwas sickern oder fließen heißt. Ahd. ?sîgan“ bedeutet sinken, sich niedersenken, herabfließen auf eine Vertiefung im Felde. Daraus entstandene Flur- oder Bachnamen sind sieg, siech, sech oder niederdeutsch sege, was soviel wie wasserhaltiger Grund oder sumpfige, feuchte Stelle heißt.
Im Hessischen erfährt das Wort noch eine Ableitung mit dem Buchstaben ?l“, wie z. B. segel, sejel, sichel oder sel. Die Nenteröder sagen noch heute Seielsbach und nicht Seltz- oder Salzbach.

Schladen

Schladen geht auf das mittelniederdeutsche Wort ?slât“ zurück, das eine moorige Vertiefung oder einen sumpfigen Ort zwischen zwei Berghängen bedeutet. Die heute häufigste Namensvariante ?Schlade“ hat ihr Hauptverbreitungsgebiet in Nordhessen und ist eine Vertiefung zwischen zwei Bergen, ein Wiesengehängetal mit feuchtem Wiesengrund.
Siffen

Siffen geht auf das mdh. Wort ?sîfe“ zurück, was eine von einem Bächlein durchzogene Bergschlucht bedeutet. Die mhd. Tätigkeitswort hieß ?sîfen“, was tröpfeln, triefen heißt. Das Wort Siffen oder Seifen konzentriert sich in Deutschland auf Gebiete des zweiten großen Landausbaues nach dem Jahr 1000. Das Wort Seife oder Sîfe kommt nach dem 15. Jahrhundert in Hessen in der Umgangssprache kaum noch vor. Beides spricht für eine Besiedlung Nenterodes im ersten Viertel des zweiten Jahrtausends, also zwischen 1000 und 1250.

Eichert

Eichert verweist eindeutig auf einen Eichenwald, der bei der ersten Besiedlung dort gestanden hat. Der künftigen Forstwirtschaft wird es beschieden sein, aus dem jetzigen Mischbestand aus sehr viel Kiefer, etwas Buche und Eiche, der Eiche wieder zur alten Geltung zu verhelfen.
Rasen

Rasen und Frasen gehen auf das mittelniederdeutsche Wort ?wrase“ zurück, was feuchter Boden, Rasenstück bedeutet. Aus ?wrasen“ ist im 13. Jahrhundert durch Wegfall des auslaufenden Reibelautes ?w“ rasen entstanden.
In Hessen ist Frasen mehr im Westen und Nordwesten, Rasen im östlichen und Wasen im südlichen und südwestlichen Raum vertreten.
Die Nenteröder Jäger haben nach 1950 dem Rasen den Namen Saurasen gegeben, weil hier die meisten Sauen vorkamen und erlegt wurden.
Die Senke unterhalb des Rasens nennen die Nenteröder den Graben. Auch hier haben wir Jäger aus dem Graben den Hirschgraben entwickelt. Hirsch und Sau kommen in diesem ruhigen Waldgebiet am meisten vor, weil dies Seitental keine Durchfahrtsstraßen durchqueren und dahinter ausgedehnte Wälder und Dickungen liegen. Wir alle sollten dafür sorgen, daß wir wenigstens am Saurasen und Hirschgraben unserem heimischen Hochwild noch seine Ruhe gönnen und es für uns und unsere Nachwelt erhalten.

Sesseroth

Sesseroth geht wahrscheinlich auf die älteste Flurbezeichnung aus der Zeit der Urbarmachung der ersten Felder in Nenterode zurück.
Alt- und mittelhochdeutsch ?setz“, ?sez“ bedeutet Sitz, Wohnsitz. Dieses Wort ist seit Ende des 16. Jahrhunderts nicht mehr in der Umgangssprache nachzuweisen. ?Sesse“ ist eine Abwandlung von ?setz“ und Sesseroth bedeutet soviel wie die Rodung der Ansässigen, d. h. derjenigen, die gerade seßhaft geworden sind.
Auch diese Flurbezeichnung spricht dafür, daß die erste Ackerflurausbreitung hier zusammen mit den beiden Bergrücken nördlich und südlich des Dengersgraben begann.

Auf dem Forth

Forth oder Furth ist die Bezeichnung für einen Weg, der einen Bachlauf oder Fluß durchquert. In unserem Fall ist dies der Seielsbach oder nhd. Seltzbach.
 

B - Das ausgehende Mittelalter bis zur Neuzeit um 1550

Bevor wir uns dem zweiten Zeitabschnitt der Deutung unserer Flurnamen zuwenden, sei der Versuch unternommen, aufgrund der ältesten Nenteröder Flurnamen die ersten Rodungen und Äcker um Nenterode herum einzuordnen.

Das Gebiet zwischen Rengshausen und Nenterode, der untere Teil des Höhenrückens ?Auf der Lieden“, ?Die Rote Äcker“, das ?Sesserothstal“ bis zum ?Schwalbenzehl“ wird das erste Rodungsland gewesen sein. Dafür sprechen die ahd. bzw. mhd. Flurbezeichnungen. Das Schladen- und Seltzbachtal werden als Wiesen nach ihrer Trockenlegung auch sehr früh genutzt worden sein. Dagegen werden der ?Eichert“, ?Räddengrund“ oder ?Rasen“ bzw. ?Graben“ erst sehr spät gerodet worden sein. Für die Annahme sprechen die Flurbezeichnungen ?An den Hecken“, ?Auf den Schleenhecken“, die aus der jüngsten Zeit, d. h. aus den letzten 200 - 300 Jahren stammen.

Auch der Gläserbach und der Hahngrund weisen keine älteren mhd. Flurnamen auf; sie wurden erst später, d. h. wahrscheinlich im 16. Jahrhundert, gerodet. Darauf werden wir noch zurückkommen.

Die Flurnamen Driesch und Tiergarten oberhalb des Hahngrundes sprechen auch für diese Annahme.

Auf den Büchen

Bühl oder Büchel geht auf ahd. ?buhil“, mhd. ?bühel“, zurück und heißt Hügel, eher eine kleine Bodenerhebung, die für das Gelände unterhalb des Dreschmaschinenschuppens in Nenterode auch zutrifft.

Aschenbergsplatte

Der Aschenberg geht auf Eschenberg zurück. Hier wuchsen früher die Eschen.

Auf den Stöcken

Diese Flurbezeichnung finden wir im Gläserbach und am Schladen. Sie geht auf eine spätmittelalterliche Rodung zurück, und unter Stöcken verstehen wir die nach der Abholzung verbliebenen Baumstümpfe. Diese wurden entgegen der echten Ausrodung der Einfachheit halber stehen gelassen, die Fläche wurde als Weide genutzt, und mit der Zeit verfaulten die Stöcke.

Brüchenäcker

Brüche verweist auf eine feuchte, moorige Stelle, die am Unterlauf des Dengersgrabens ursprünglich ausgebreitet war, und die dann im Zuge der Besiedlung trockengelegt wurde.
Dengersgraben

Das Wort Denger ist wahrscheinlich ein Eigenname und bezieht sich auf einen Nenteröder Siedler.

Driesch

Driesch, mhd. ?driesch“, heißt unangebautes Land, ungepflügter Acker. In der alten Feld-Gras-Wirtschaft sind Driesche erschöpfte Äcker, die jahrelang brachliegen, sich mit Gras bewachsen und dann als Weide dienen, bevor sie wieder in Ackerland umgebrochen werden. Die Nenteröder bezeichnen Driesch als die Fläche, die in der Katasterkarte mit Tiergarten bezeichnet wird. Hierauf werden wir später zurückkommen.

Gläserbach

Gläserbach geht eindeutig auf die Glasverhüttung im 16. Jahrhundert in unserer Gegend zurück. Nachgewiesen ist eine Hütte im Hahngrund, den wir hier zum letzten Mal als Hahngrund bezeichnen. Noch 1608 wird in einer Grenzbeschreibung eine Glashütte der Herren von Baumbach an dieser Stelle erwähnt. Die Flurbezeichnung ?Vor den Hütten“ verweist auf den ehemaligen Standort der Glashütte. Noch heute können wir auf dem Discherschen Acker bunte Glasscherben finden.

Hahngrund = Honkgründ

Schon Luther hat gesagt, man muß dem Volk aufs Maul schauen. Die Nenteröder sagen auf Platt ?Honkgründ“ und nicht Hahngrund. Honk ist der Honig, also heißt unser Tal auf hochdeutsch Honiggrund - warum? Wir haben mit der Geschichte des Gläserbachtales erfahren, daß im Honiggrund im 16. Jahrhundert eine Glashütte gestanden hat. Glashütten verbrannten unglaubliche Mengen an Holzkohle bzw. Brennholz für die Glasherstellung (ca. 800 Klafter, das sind 3200 Raummeter pro Hütte und Jahr an Brennholz bzw. Holz für Holzkohle). Die Wälder waren zum großen Teil Hutewälder und besaßen sehr geringe Nutzholzmengen. Wir müssen davon ausgehen, daß das ganze Honiggrundtal mit umliegenden Forstbezirken abgeholzt wurde, um der Glashütte das Holz zuzuführen. Aufforstungen im heutigen Sinn gab es erst seit Ende des 18. Jahrhunderts. Also lagen die abgeholzten Flächen brach, und es entwickelte sich eine breite Flora mit Gräsern, Hecken und Bäumen, besonders am Südhang des Honiggrundes - eine ideale Bienenweide. Vor 1830 gab es in Deutschland keinen Zucker. Honig war der einzige Süßstoff, und in jedem Dorf gab es Imker (Zeidler), die in weit größerem Umfang als heute von der Honigproduktion lebten. Unsere Nenteröder Imker hatten im Honkgründ ihre ideale Bienenweide.

Hetzelswiesen, Junkerwiesen

Hetzelswiesen, Hetzelsholz und Junkerwiesen lassen auf einen adligen Junker Hetzel schließen, der hier Grundeigentum besaß. Flurnamen mit Junker oder Herrn lassen immer auf adligen Besitz schließen. Die Junker- und Hetzelswiesen im unteren Honiggrund grenzen aneinander und sind so im Zusammenhang zu sehen. Vielleicht hieß sogar der Betreiber der Glashütte Hetzel - denn eine Glashütte zu betreiben hieß über bedeutendes Kapital zu verfügen, um in die Öfen und die gesamte Hütte mit dem Personal zu investieren. Dazu gehörte Wald als Eigentum oder ein Nutzungsrecht, für das gezahlt werden mußte. Vorzugsweise Adlige verfügten im ausgehenden Mittelalter über derartige Möglichkeiten.

Im unteren Hohle

Hohl geht auf das ahd. Wort ?hol“ = Höhle zurück und bezeichnet einen tiefen Taleinschnitt oder Wieseneinschnitt.

Königsheide

Es ist unsicher, ob König ein Eigenname war oder wegen des herrlichen Ausblickes auf Bonsberg, Nenterberg, Seltzbachtal und Klosterstein hier eine herausragende, eben königliche Stelle als Bezeichnung für die Heidefläche gewählt wurde.

Lengsdellen

Delle geht auf germanisch ?daljô“, mhd. ?telle“, zurück, was Bodensenke im Gelände bedeutet. Leng wird wohl auch ein Eigenname gewesen sein.

Leyerloch

Die Nenteröder sagen Lirloch. Wir greifen wieder auf ?leite“ oder in Abwandlung ?lire“ (die hessische Variante) zurück. Leite oder lire bezeichnen einen Bergabhang. Loch geht auf mhd. ?lôch“ und ahd. ?lôh“ zurück, es bedeutet Gebüsch, Gehölz und ist die altertümlichste Waldbezeichnung. Das Wort Hain hat in der Lutherzeit ?loh“ oder ?loch“ verdrängt. Lireloch heißt demnach Gehölz am Hang. So gehen auch die Lochwiesen unterhalb des Hetzelsholzes auf diese Bedeutung zurück (Waldwiesen).

Lingelbach

Seltzbach und Gläserbach fließen in Nenterode zusammen und bilden den Lingelbach. Für ihn finden wir nur einen Ursprung in einem Eigennamen, vielleicht nach dem ersten Müller von Nenterode benannt.

Mühlwiesen, Mühlrain

Das Wasserrad als Kraftmaschine ist aus dem Altertum bekannt. Zu uns wurde es durch die Franken im 8. und 9. Jahrhundert gebracht. In unserer Grenzbeschreibung des Eherinevirstes aus dem Jahr 1003 wird schon von Mühlbach (Milmenebach), dem heutigen Mühlbach, gesprochen. Danach muß also schon dort eine Mühle gestanden haben - evtl. die heute noch bestehende Kohlsmühle. Bis ins vorige Jahrhundert hatten Wassermühlen große Bedeutung für unsere Dörfer. Es war billiger und günstiger, auch kleinste Bäche und deren Wasserkraft zu nutzen, als schlechte Wege und wertvolle, knappe Zugkraft durch Tiere für lange Wege zu größeren Mühlen einzusetzen. So gab es heute verschwundene Mühlen unterhalb von Nausis und Nenterode an kleinen Bächen. In Nausis diente ein Stauweiher zum jeweils kurzzeitigen Betrieb einer Mühle - in Nenterode wurde eine Mühle über einen Mühlgraben ohne Weiher betrieben.
Wir können noch heute den Verlauf beider Mühlgräben und Mühlen in Nausis und Nenterode durch Einschnitte im Wiesengelände ausmachen. Der Nenteröder Mühlgraben verlief unterhalb des Rengshäuser Kirchwegs. Noch heute ist eine Markierung in den Hangwiesen unterhalb der letzten Gehöfte feststellbar.

Rote Äcker

Rote geht auf das mhd. Wort ?roße“ oder ?röste“ zurück. Abgewandelt kommt für ?roße“, ?röste“ auch ?rote“ vor. Rote geht auf Flachs- oder Hanfröste zurück. Flachs wurde bis ins vorige Jahrhundert in fast allen Dörfern zur Herstellung von Leinen in unseren Orten angebaut. Nach der Ernte und dem Entfernen der Samenkapseln wurde der Flachs unter Wasser getaucht oder auf feuchten Wiesen ausgebreitet, bis die weichen Bestandteile weggefault waren. Dann wurde der Flachs gedörrt, d. h. meistens in Erdgruben unter Hitzeeinwirkung getrocknet, bis er reif zum Brechen war, d. h. zu Faserbündeln weiterverarbeitet werden konnte. Rote geht auf das ahd. Wort ?rozzen“, mhd. ?rozen“, zurück, was soviel wie verwesen, welk, bleich, faul werden bedeutet. Bis ins 19. Jahrhundert waren in Hessen Röste, Rose oder Rote für die Flachsröste gebräuchlich. Die Rote Äcker liegen am Sesseroth, d. h., das Wasser kam aus dem Dengersgraben und wurde über die Flachsröste geleitet, wo der Flachs zum Faulen ausgebreitet lag.

Schindhecke

Schinden geht auf das ahd. Wort ?scindan“, mhd. ?schinden“, zurück, was schlachten, enthäuten heißt. Schindanger oder -hecken dienten dem Vergraben und Entsorgen eingegangenen Viehes. Diese Plätze lagen wegen des Geruchs weit genug vom Dorf, mußten aber auch gut für den Transport auch schwerer Kadaver, wie Kühe, erreichbar sein. Das trifft für unsere Schindhecke nahe der Rengshäuser Straße zu.

Söhrfeld

Söhre geht auf das ahd. und mhd. Wort ?sur“, germanisch ?sura“, zurück, was sauer heißt. Saure Flurstücke sind feucht, sumpfig, mit dem für sie typischen Bewuchs wie Binsen, Riedgras und Sumpfgräser. Unsere Flurbezeichnung für das Schladen- und Seltzbachtal bezeugen die sumpfige, unwegsame Gegend, wie sie vor der endgültigen Urbarmachung bestanden hat: Räddengrund, Siffen, Söhre, Schlade, Seltzbach.

Triftrain

Trift ist das mhd. Hauptwort zu treiben und ist seit dem 12. Jahrhundert für den ?Weg für das Vieh“ belegt. Weidewege waren sehr breit, und das Vieh konnte auf ihnen weiden. Unser heutiger Interessentenwald ist ein junger Wald. Vor seiner Zeit diente der Waldort der Viehweide. Der Triftrain ist ihm vorgelagert.
Zaunwiesen

Zaul ist die osthessisch thüringische Variante von Zahl oder Zehl, was Schwanz oder Endstück bedeutet, wie es unter unserer Flurbezeichnung Schwalbenzehl gedeutet wurde.
Aus Zaul wurde Zaun und heißt das Endstück einer Flur - in unserem Fall sind es die Wiesen am Ende des Gläserbachtales.
 

C - Neuere Flurnamen seit dem 17. Jahrhundert

Eigennamen, Pflanzen oder Hecken und allgemeine Bezeichnungen für Flurstücke kennzeichnen Flurnamen der Neuzeit.

Elmersrain oder Engelsborn stehen für Eigennamen Nenteröder Bürger. An den Hecken, Schleenhecken bezeugen, wie weit Hecken um unser Dorf auch in der Neuzeit verbreitet waren und die heutige, von Hecken entblößte Flur eher nur das Werk der letzten 100 Jahre, besonders der Flurbereinigung, ist. Hecken gehörten immer in unsere Flur. Sie dienen dem Windschutz für unsere Äcker. Sie bereichern die Landschaft durch die Vielfalt der Pflanzen, den Schutz und Herberge für Vögel und Kleintiere. Hieran müssen wir alle arbeiten, um unsere kahle Flur durch Feldraine und Hecken aufzulockern. Das heißt aber nicht, daß wir unsere bedrohte Landwirtschaft durch Hecken behindern wollen - Hecken sollen sie unterbrechen und auflockern, wie das vorbildlich in landwirtschaftlich hoch entwickelten Landschaften in Holstein oder Westfalen praktiziert wird.

Neuer Acker

Diese Flurbezeichnung ist einmal im neuen Kataster nach der letzten Flurbereinigung in den achtziger Jahren für den Acker der Königsheide belegt. Zum andern aber wurde mir vom Sohn des zweiten Gläserbacher Försters Richard Sartoris (1926 - 1931), Herrn Bernhard Sartoris aus Bad Hersfeld, die gleiche Bezeichnung für das Feldstück südlich des Weges auf dem Flurstück ?Vor den Hütten“ im Honiggrund angegeben. Nach Sartoris wurde dieser neue Acker im Zuge der Gründung der Revierförsterei Gläserbach im Jahre 1900 eigens für dieses Forstgehöft urbar gemacht.

Tiergarten

Der Tiergarten ist die interessanteste Flurbezeichnung der Neuzeit. Deutet er doch auf die junge Geschichte unserer Heimat hin. Zur Zeit des Barock (ca. 1650 - 1730) war es an den Fürstenhöfen üblich, große Jagden, insbesondere auf Hochwild, d. h. Rotwild und Sauen, abzuhalten. Die Strecken an erlegtem Wildbret konnten gar nicht groß genug sein. Zur Jagd selbst wurden große Waldstücke mit Tüchern oder Lappen abgegrenzt, um das Wild an der Flucht zu hindern und dem Standort der Schützen zuzutreiben. Auf natürliche Art konnten die beanspruchten großen Mengen an Wild nicht herangezogen werden. So bediente man sich der Gehege oder Tiergärten zur Auf- und Heranzucht von Wild, insbesondere Rotwild.

Landgraf Moritz von Hessen hatte 1627 zugunsten seiner 5 Söhne und 3 Töchter aus zweiter Ehe die Rotenburgische Quart ausgesetzt, d. h. einen vierten Teil von der Landgrafschaft Hessen-Kassel ausgesondert. Mit dem Ableben ihres letzten Landgrafen Victor 1834 erlosch die Hessen-Kasselsche Nebenlinie Hessen-Rotenburg und fiel zurück an Hessen-Kassel. Insgesamt herrschten 7 Rotenburgische Landgrafen. In ihrer Zeit wurde in Rengshausen eine landgräflich Rotenburgische Oberförsterei eingerichtet. Sie wurde 1908 nach Niederbeisheim verlegt. Mit dem Jahr 1995 wird die ehemals Rotenburgische Oberförsterei, das heutige Hessische Forstamt Knüllwald, wahrscheinlich aufgelöst und in zwei benachbarte Forstämter aufgehen - ein Stück Geschichte und Tradition muß anderen Überlegungen weichen.

Wahrscheinlich waren es Landgraf Wilhelm (Regierungszeit 1693 - 1725) oder Ernst (1725 - 1749), die, dem Zeitgeist der Fürsten folgend, in Rengshausen einen aufwendigen Jagdhof begründeten. Zu diesem gehörte ein ?Tiergarten“ zur Zucht und Bereitstellung jagdbaren Rotwildes. Dieser fand sich an einem geeigneten Südhang mit einem Bächlein oberhalb des Honiggrundes zwischen Nenteröder Flur und ausgedehnten Waldungen. Der obere Teil mit seiner fast plateau-ähnlichen Fläche bot sich für die Einrichtung von fürstlichen Jagden mit Tüchern und Netzen an, die von Rengshausen bequem herangeschafft werden konnten.
 

Schluß

Mir seien persönliche Deutungen, soweit sie nicht geschichtlich belegt sind, verziehen. Aber mangels historischer Quellen für unser Dörfchen vor dem 14. Jahrhundert dienen sie vielleicht dem besseren Verständnis für die Zeit der Gründung Nenterodes.

Alte Flurnamen wie Lieden, Seielsbach, Schwalbenzehl, Siffen und Söhre gehen auf die Zeit der Gründung zurück. Für uns alle ist es eine Aufgabe, sie in unserer Sprache lebendig zu halten. Neue Namen für andere Flurstücke können daneben bestehen und haben auch ihre Berechtigung, weil sie der späteren Siedlungsgeschichte entsprungen sind. Wir erhalten so durch die Flurnamen Nenterodes einen Überblick seiner Geschichte.

Die Aufgabe für die Niederschrift der eigentlichen Geschichte Nenterodes auf der Grundlage vorhandener Quellen in den Archiven bleibt gestellt.